Eigentlich wollte ich mir ja etwas mehr Zeit lassen, um den zweiten Ari-Aster-Film nach "Hereditary" zu schauen, aber das hat mich so viel Überwindung gekostet, dass ich heute einfach schwach geworden bin. Und eins vorweg: Ein besonderes Filmerlebnis ist das hier definitiv auch - wie eine Stipvisite in einer besonders kranken Sekte inmitten eines Drogentrips. Anders kann ich das, was mir cineastisch hier dargeboten wird, nicht beschreiben: Es ist verstörend und faszinierend, aber auch reichlich wirr und mitunter auch reichlich verkünstelt. Während ich beim Vorgänger noch jeden Vorwurf, man bekomme hier überstilisierten "Kunstschrott" zu sehen, empört zurückweisen würde, kann ich das hier nicht mehr tun. Dafür ist der Film zu lang geraten, gefällt sich an sehr vielen Stellen daran, das schwedische Mittsommerfest und die dortige Folklore komplett zu überzeichnen und den vorherrschenden Traditionalismus komplett ad absurdum zu führen und schlachtet zu viele seiner Szenen virtuos, aber auch ein wenig geil nach sensationellen Bildern und Kameraeinstellungen aus.
Schlechtreden möchte ich den Streifen keinesfalls, denn trotz seiner 150 Minuten Laufzeit habe ich ihn über die allermeisten Passagen hinweg sehr gerne und gepackt geschaut: Die Exposition habe ich als fantastisch empfunden, da man sofort in die Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren Dani (gut gespielt von Florence Pugh) und Christian (okay performt von Jack Reynor) hineingerissen wird und schon nach wenigen Minuten anfängt, sehr intensiv mit ihnen mitzuleiden. Die erste Viertelstunde hat mich darauf hoffen lassen, hier ähnlich geistreiches, empathisches und geschmackvoll gefilmtes Kino zu erleben wie bei "Hereditary". Die Feierlichkeiten in Schweden allerdings, mit denen anschließend rund zwei Stunden Laufzeit bestückt werden, sind dann nur noch toll gefilmt. Das Setting ist toll, für einen atmosphärisch sehr düsteren Streifen ungewohnt bunt und hell und auch die diversen Tänze, Häuschen und Rituale, denen man da beiwohnt, sind sehenswert und einfallsreich choreografiert.
Aber es sind eben auch ganz schön viele Tänze, Häuschen und Rituale, denen man da beiwohnen darf - und teilweise habe ich mich im Zuge dessen schon dabei erwischt, wie ich innerlich Dinge wie "Okay, wie viele Runden tanzen die jetzt noch im Kreis herum?", "Oh, wer schreit denn da jetzt wieder im Hintergrund?" oder "So, was geht hier jetzt wieder für ein kranker Scheiß ab?" gedacht habe. Was ich damit sagen möchte: Es ist meines Erachtens an manchen Stellen einfach etwas zu viel Herumreiterei auf den Bräuchen und kruden Opfergaben gewesen - und gleichzeitig ist es mir mit zunehmender Laufzeit immer schwerer gefallen, auch nur irgendeine Figur zu finden, für deren Handlungsweisen ich ein tieferes Verständnis aufbringen kann.
Deshalb ist "Midsommar" unterm Strich ein Film, der die künstlerische Exzellenz, den wunderbaren Hang zum Speziellen und damit auch die Innovationskraft von "Hereditary" zu replizieren weiß, ohne den Vorgänger zu kopieren. Es gelingt Aster meines Erachtens hier aber leider nicht mehr so gut, eine Balance zwischen ernstzunehmendem Drama und mitreißendem Horror zu finden, die kunstvollen Elemente wirken viel häufiger wie ein reiner Selbstzweck, einige Ekelszenen recht brachial, die Darstellung des Mittsommerfestes oftmals zu absurd - und somit einfach Vieles eine Idee "kunstschrottiger". Trotzdem: Der Film packt, ist handwerklich super und für Cineasten mit einem Faible für besondere Filmerlebnisse auf jeden Fall einen Blick wert. Ich kann dennoch nicht verhehlen, dass ich mir hiervon etwas mehr versprochen hatte.
Ganz gute 4.